Eine bahnbrechende systematische Übersichtsarbeit im Fachjournal The BMJ hat einem der am weitesten verbreiteten medizinischen Ratschläge einen schweren Schlag versetzt: die Einnahme von Kalzium- und Vitamin-D-Präparaten zum Schutz der Knochen. Die umfassende Analyse, die Daten aus Dutzenden groß angelegter klinischer Studien mit Hunderttausenden von Teilnehmern untersuchte, kam zu dem Ergebnis, dass diese Nahrungsergänzungsmittel kaum oder gar keinen Nutzen bei der Vorbeugung von Knochenbrüchen oder der Verringerung des Sturzrisikos bei älteren Erwachsenen zeigen.
Über Jahrzehnte hinweg haben Ärzte und Gesundheitsbehörden routinemäßig die Einnahme von Kalzium und Vitamin D empfohlen, insbesondere für Frauen nach den Wechseljahren und ältere Menschen mit hohem Osteoporose-Risiko. Die Präparate sind zu einem Grundpfeiler der Vorsorgemedizin geworden, wobei weltweit Millionen von Menschen täglich Tabletten einnahmen, in der Überzeugung, ihre Knochen zu stärken und das Risiko schwerer Hüft- und Wirbelsäulenfrakturen zu verringern.
Die neue Übersichtsarbeit analysierte systematisch randomisierte kontrollierte Studien, die als Goldstandard der medizinischen Evidenz gelten. Die Forscher stellten fest, dass Kalziumpräparate, ob allein oder in Kombination mit Vitamin D eingenommen, keine statistisch signifikante Verringerung von Hüftfrakturen, Wirbelfrakturen oder anderen Arten von Knochenbrüchen bewirkten. Ebenso zeigte die alleinige Vitamin-D-Supplementierung keine bedeutsame Wirkung auf die Frakturprävention.
Besonders überraschend war das Ergebnis bezüglich der Stürze. Frühere Leitlinien hatten nahegelegt, dass Vitamin D das Sturzrisiko bei älteren Erwachsenen durch Verbesserung der Muskelfunktion und des Gleichgewichts senken kann. Die Übersichtsarbeit fand jedoch keine überzeugenden Belege für diese Behauptung. Die Daten zeigten, dass die Supplementierung die Häufigkeit von Stürzen nicht signifikant verringerte, was eine weitere langjährige Annahme in der Altersmedizin in Frage stellt.
Experten fordern nun einen grundlegenden Wandel im Umgang mit der Knochengesundheit. Anstatt sich auf Nahrungsergänzungsmittel zu verlassen, empfehlen führende Wissenschaftler, den Schwerpunkt auf vollwertige Kalziumquellen in der Ernährung zu legen, etwa Milchprodukte, grünes Blattgemüse und angereicherte Lebensmittel. Sie betonen auch die entscheidende Bedeutung regelmäßiger gewichtstragender Übungen, die nachweislich das Knochenwachstum fördern und die Knochendichte weit wirksamer erhalten als jede Tablette.
Die Ergebnisse haben weitreichende Auswirkungen auf klinische Leitlinien weltweit. Mehrere medizinische Organisationen überprüfen bereits ihre Empfehlungen angesichts dieser Evidenz. Gesundheitspolitiker weisen darauf hin, dass die derzeit für die weit verbreitete Supplementierung aufgewendeten Ressourcen in die Förderung von Bewegungsprogrammen und Ernährungsverbesserungen umgeleitet werden sollten. Gehen, Laufen, Tanzen und Krafttraining haben sich als wirksame Methoden erwiesen, um die Knochenstärke aufzubauen und zu erhalten, und bieten einen nachhaltigeren Ansatz für die alternde Weltbevölkerung.
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