Kraken können Spiegel verwenden, um Nahrung zu finden, die sich außerhalb ihres direkten Sichtfelds befindet. Das zeigt eine bahnbrechende Studie, die am Donnerstag in der Fachzeitschrift Current Biology von Forschern des Dartmouth College veröffentlicht worden ist. Die Erkenntnis stellt den ersten Nachweis dar, dass eine wirbellose Tierart reflektierende Oberflächen nutzen kann, um Informationen über ihre Umgebung zu sammeln. Diese kognitive Leistung ließ sich bislang nur bei einer ausgewählten Gruppe von Wirbeltieren beobachten, darunter bestimmte Säugetiere und Vögel. Die Forschung eröffnet neue Wege zum Verständnis der Evolution räumlicher Kognition im Tierreich.
Die Studie leitete Mary Kieseler, die ihre Doktorarbeit in Dartmouth als Mitglied des Jahrgangs 2025 der Guarini School of Graduate and Advanced Studies abschloss und nun als Postdoktorandin an der Universität Freiburg in der Schweiz tätig ist. Kieseler und ihre Kollegen entwickelten eine Reihe von Experimenten mit drei Kalifornischen Zweifleckkraken, die im speziellen Kraken-Labor von Dartmouth untergebracht sind, einer Facheinrichtung zur Erforschung der kognitiven Fähigkeiten dieser bemerkenswert intelligenten Meerestiere.
Im Versuchsaufbau platzierten die Forscher Nahrungsmittel wie Krabben an Stellen, die für die Kraken nicht direkt sichtbar waren, aber durch einen im Becken positionierten Spiegel erkannt werden konnten. Die Tiere erhielten die Gelegenheit, die Spiegelreflexion zu beobachten und dann zum tatsächlichen Standort der Nahrung zu navigieren. Bemerkenswert ist, dass die Kraken die wahre Position der Nahrung in etwa 73 Prozent der Fälle korrekt identifizierten, eine Erfolgsquote, die weit über dem liegt, was durch bloßen Zufall zu erwarten wäre, und ein echtes Verständnis der räumlichen Beziehung zwischen Spiegelbild und realem Objekt belegt.
Entscheidend ist, dass die Kraken lernten, das im Spiegel sichtbare Krabbenbild nicht anzugreifen, sondern die Reflexion als Information zu nutzen, um den tatsächlichen Standort der Nahrungsquelle abzuleiten. Diese Unterscheidung ist bedeutsam, denn sie zeigt, dass die Tiere verstanden, dass das Spiegelbild eine Darstellung und keine echte Beute war, und dass sie diese visuelle Information in eine räumliche Strategie zum Auffinden der versteckten Nahrung umsetzen konnten. Frühere Forschungen hatten gezeigt, dass Kraken ihre eigenen Spiegelbilder in bestimmten Kontexten erkennen, doch diese Studie geht weiter, indem sie den funktionalen Einsatz von Spiegeln als Umgebungswerkzeuge nachweist.
Die Auswirkungen der Forschung reichen weit über das Studium des Krakenverhaltens hinaus. Bisher ließ sich die Fähigkeit, Spiegel zum Verständnis räumlicher Beziehungen zu nutzen, nur bei Wirbeltierarten dokumentieren, darunter Menschenaffen, Delfine, Elefanten und bestimmte Rabenvögel wie Krähen und Elstern. Die Tatsache, dass Kraken, deren evolutionäre Linie sich vor mehr als 500 Millionen Jahren von den Wirbeltieren trennte, unabhängig ähnliche kognitive Fähigkeiten entwickelt haben, legt nahe, dass komplexes räumliches Denken durch konvergente Evolution mehrfach entstanden sein dürfte.
Die Forschung beleuchtet auch die bemerkenswerte neuronale Architektur der Kraken, die etwa 500 Millionen Neuronen besitzen, verteilt über ein hochgradig dezentralisiertes Nervensystem. Im Gegensatz zu Wirbeltieren, deren kognitive Verarbeitung im Gehirn konzentriert ist, befinden sich bei Kraken zwei Drittel ihrer Neuronen in den Armen, was eine verteilte Intelligenz schafft, die sich grundlegend von der Kognition der Säugetiere unterscheidet. Die Fähigkeit, Spiegel trotz dieser radikal anderen neuronalen Organisation zu nutzen, stellt bestehende Annahmen über die neuronalen Voraussetzungen für komplexes räumliches Denken in Frage.
Mit Blick auf die Zukunft plant das Dartmouth-Team, seine Forschung auszuweiten und zu untersuchen, ob Kraken Spiegel auch für andere Zwecke einsetzen können, etwa zur Beobachtung potenzieller Gefahren oder zur Erkundung unbekannter Umgebungen. Die Ergebnisse dürften auch praktische Anwendungen bei der Gestaltung von Beschäftigungsprogrammen für in Gefangenschaft gehaltene Kopffüßer finden.
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