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Washington-Post-Chef Will Lewis tritt nach Massenentlassungen zurück

Veröffentlicht am 8. Februar 2026 905 Aufrufe

Der Herausgeber und Geschäftsführer der Washington Post, Will Lewis, ist am Samstag zurückgetreten und hat damit eine turbulente zweijährige Amtszeit beendet, die wenige Tage zuvor in der Entlassung von mehr als einem Drittel der Belegschaft des Blattes gipfelte. Finanzvorstand Jeff D'Onofrio wurde mit sofortiger Wirkung zum geschäftsführenden CEO und Herausgeber ernannt und übernimmt die Leitung einer der traditionsreichsten Nachrichtenorganisationen Amerikas inmitten einer tiefen finanziellen und redaktionellen Krise.

Lewis' Abgang erfolgte drei Tage, nachdem etwa 300 Redaktionsmitarbeiter entlassen worden waren — eine der umfassendsten Kürzungen in der fast 150-jährigen Geschichte der Zeitung. Die Entlassungen, die am Mittwoch per Zoom-Anruf von Chefredakteur Matt Murray verkündet wurden, eliminierten die gesamte Sportredaktion, reduzierten das Lokalnachrichtenteam drastisch von über 40 auf etwa 12 Reporter und zerschlugen einen Großteil des internationalen Korrespondentennetzes, einschließlich des gesamten Nahost-Büros.

Der scheidende Herausgeber sah sich heftiger Kritik von Mitarbeitern und der Öffentlichkeit ausgesetzt, nachdem er bei der Bekanntgabe der Entlassungen auffällig abwesend war. Er wurde anschließend am Donnerstag auf dem roten Teppich einer Vor-Super-Bowl-Veranstaltung in San Francisco fotografiert, was die Wut unter den betroffenen Journalisten und der breiteren Mediengemeinschaft weiter anfachte. Das Bild des Herausgebers bei einer glamourösen Sportveranstaltung, während Hunderte seiner Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze verloren, löste scharfe Verurteilung in der gesamten Branche aus.

Die Washington Post hat in den letzten Jahren massiv Geld und Abonnenten verloren. Lewis hatte im Juni 2024 offengelegt, dass die Zeitung jährlich etwa 100 Millionen Dollar Verlust machte. Das Blatt verlor außerdem geschätzte 375.000 digitale Abonnenten, rund 15 Prozent seiner Abonnentenbasis, nach der umstrittenen Entscheidung von Eigentümer Jeff Bezos, eine geplante Wahlempfehlung für Kamala Harris vor der Präsidentschaftswahl im November 2024 zu blockieren. Diese Episode löste eine Glaubwürdigkeitskrise aus, von der sich die Zeitung nur schwer erholen konnte.

In einer Mitteilung an die Mitarbeiter erklärte Lewis, dass nach zwei Jahren der Transformation bei der Washington Post der richtige Zeitpunkt für seinen Rücktritt gekommen sei. Er räumte ein, dass schwierige Entscheidungen notwendig gewesen seien, um die nachhaltige Zukunft der Zeitung zu sichern. Der frühere Chefredakteur Martin Baron kritisierte Bezos dafür, seine anderen Unternehmen, Amazon und Blue Origin, über die redaktionelle Mission der Publikation gestellt zu haben, und warnte, dass die journalistische Integrität der Zeitung auf dem Spiel stehe.

D'Onofrio, der zuvor als CEO der Social-Media-Plattform Tumblr tätig war, bevor er im Juni 2025 als Finanzvorstand zur Post kam, steht nun vor der gewaltigen Aufgabe, eine von beispiellosen Kürzungen erschütterte Redaktion zu stabilisieren. Die Washington Post, 1877 gegründet und 2013 von Bezos für 250 Millionen Dollar gekauft, tritt mit etwa 500 verbliebenen Journalisten in ein zutiefst ungewisses neues Kapitel ein, mit grundlegenden Fragen über ihre redaktionelle Ausrichtung und langfristige Überlebensfähigkeit unter ihrem Milliardärseigentümer.

Quellen: NPR, CNN, CBS News, Newsweek, Deadline

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